Volle Stände in leeren Hallen

Die Computermesse Cebit bot ein zwiespältiges Bild: schockierend schwache Besucherzahlen, aber dennoch zufriedene Aussteller. Eine Bilanz.

Artikel erschienen in Swiss IT Reseller 2009/05

     

Gestartet war die Messe am Vorabend wie immer mit einer prominent besetzten Eröffnungsfeier. Das Publikum zeigte sich begeistert vom unwiderstehlichen Charme des transatlantischen Dreamteams «Angie & Arnie», auch bekannt unter ihren eigentlichen Berufen als deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und Gouverneur von Kalifornien «Oarrnold Sworzenegger». Der Vertreter des diesjährigen Partnerlandes, das ja wie kein anderes die aktuellen Probleme der IT-Branche repräsentieren mag, gab sich kernig wie im Kino: «Verlierer lamentieren, Gewinner stellen sich den Herausforderungen und tun etwas.» Hasta la vista!

Doch schon bei der ersten morgendlichen Anfahrt zur ja immerhin grössten Computermesse der Welt ergab sich ein ernüchternd anderer Eindruck: Eine so unglaublich leere Strassenbahn fuhr wohl noch nie Richtung Cebit. Auch die Messeautobahn bot ein friedliches, geradezu verschlafenes Bild. Kein Vergleich mit dem beeindruckenden Megastau, den man noch vom letzten Jahr kannte. Es war, als hätte man sich als Besucher im Datum geirrt.


Die vorausgegangenen Ankündigungen der Messeleitung von einem Viertel weniger Ausstellern als im vergangenen Jahr (4300) liessen ja bereits nichts Gutes ahnen. Im Angesicht der weltweiten Krise und des Fehlens einiger wichtiger Firmen würden auch die Besucherzahlen drastisch einbrechen, das galt als sicher. 20 Prozent weniger Besucher (insgesamt rund 400'000) kamen nach der Abschlussbilanz dann schliesslich nach Hannover; gefühlt waren es zumindest an den ersten beiden Tagen nicht einmal halb so viele wie noch im - ebenfalls schon von fortschreitendem Besucherschwund gezeichneten Vorjahr. Und so sah es auf dem Gelände und in den Hallen dann auch aus: Menschenleere Gänge, die zudem mit reichlich Stellwänden und Freiflächen gesegnet waren, machten einen geradezu gespenstischen Eindruck: Die Branche als Brache, die leer stehenden Pavillons und Hallen umwehte ein endzeitlich eisiger Wind. Zum Wochenende hin wurde es allerdings deutlich belebter; den Computer-Kids sei Dank.

Etwas gar viel Optimismus

An den (flächenmässig erheblich reduzierten) Ständen der verbliebenen grossen TK-Provider sowie bei den Anbietern von Sicherheitssoftware tummelte sich das Publikum wie eh und je - obwohl kaum noch etwas verschenkt wurde. Schlechte Zeiten also auch für Jäger und Sammler. Auch der nur für Händler zugängliche Reseller-Bereich zeigte sich geschäftig. Angesichts der insgesamt aber image-schädigenden Situation trat die Messegesellschaft schliesslich die Flucht nach vorn an: Ein demonstrativ gutgelaunter Cebit-Chef Ernst Raue erklärte, die Messe sei «stark» gestartet und «ein voller Erfolg»; als Beobachter rieb man sich dabei doch etwas erstaunt die Augen.


Die Auftragsbücher der Aussteller seien «gut gefüllt», bestätigt aber der als Mitveranstalter auftretende Präsident des Bitkom, Professor August-Wilhem Scheer. «55 Prozent der Unternehmen spüren die Krise noch nicht», beruft sich der Oberhäuptling des deutschen IT-ADAC auf eine Umfrage unter seinen Verbandsmitgliedern. In der Tat scheinen zumindest auf den Mittelstand abonnierte Anbieter von Business-Lösungen tatsächlich «noch» gute Geschäfte zu machen, wie eigene Gespräche mit Ausstellern bestätigten. Aber ob eine Messe ohne Massen als «Davos der IT-Branche» (Professor Scheer) allein von «guten Gesprächen» mit qualifizierten Einkäufern leben kann, ist eine konzeptionelle Frage, die im Fall der um dieselbe Klientel buhlenden (und gescheiterten) Münchener Systems bereits wenig ermutigend beantwortet wurde. (Ralph Beuth, Hannover)


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