Japan-Katastrophe lässt Preise steigen

Schweizer IT-Händler und Assemblierer erwarten nach der verheerenden Naturkatastrophe in Japan Lieferengpässe und Preiserhöhungen. Der Produktimport ist derweil ungefährlich.

Artikel erschienen in Swiss IT Reseller 2011/05

     

Die verheerende Naturkatastrophe in Japan und ihre Folgen beschäftigen derzeit auch die Schweizer IT- und CE-Industrie. Viele Unternehmen machen sich aktuell Sorgen, und zwar sowohl um ihr Geschäft als auch um ihre Gesundheit. «Swiss IT Reseller» ging der Sache nach und hat recherchiert, welche Auswirkungen die Katastrophe auf die Schweizer IT-Händler und ihre Kunden hat. Wird es zu Lieferengpässen kommen? Werden die Preise steigen? Und: Sind gesundheitliche Folgen infolge von möglicherweise kontaminierten Produkt­importen zu befürchten?

Erste Lieferengpässe sind da

In Deutschland befürchtet man laut einem Bericht des Branchenverbandes Bitkom in den kommenden Wochen und Monaten grössere Lieferengpässe bei Geräten, Komponenten oder Bauteilen aus Japan. In der Schweiz zeichnet sich ähnliches ab, wie eine Umfrage bei vier der grössten Schweizer IT-Händler und Assemblierer Brack Electronics, Digitec, Littlebit und Steg Computer & Electronics zeigt. Laut Stefanie Hynek, Public Relations Manager von Digitec, sind langsam erste Lieferengpässe spürbar, vor allem im Bereich Foto und Video. «In nächster Zeit erwarten wir aber Engpässe bei fast allen von der Katastrophe betroffenen Herstellern», erklärt Hynek. Im Bereich der Komponenten werde es vermutlich ab Juni soweit sein. Natürlich versuche man jedoch, die Versorgungslücken mit anderen Produkten zu kompensieren.
Im Gegensatz zu Digitec stellt man bei Brack Electronics derzeit noch keine Lieferengpässe fest. Allerdings rechnet man laut PR-Manager Daniel Rei je nach Hersteller und Produkt demnächst mit individuellen Lieferverzögerungen von mehreren Wochen bis Monaten. Davon betroffen sein werden laut Rei grob die Sortimentsbereiche Komponenten und Speicher (Solid State Disks, 2,5-Zoll-Festplatten, optische Laufwerke, USB-Sticks und Flash-Speicherkarten), Peripherie (Bildschirme, Digitalkameras und Fotozubehör), Unterhaltungselektronik und Portable Computing (einzelne Notebook-Modelle), Telekommunikation (Mobiltelefone) und Netzwerke (Bandsicherungslaufwerke). Keine Engpässe erwartet man bei Brack hingegen in den Bereichen Software, Haustechnik und Elektronik. «Wo Lieferanten Engpässe angekündigt haben, haben unsere Einkäufer grössere Mengen – was unseren errechneten Bedarf deckte und noch verfügbar war – an Lager genommen, um das für einige Wochen eventuell knappe Angebot zu überbrücken», erklärt Rei, wie man das Problem angeht. Wo Lieferanten noch nichts sagen konnten, habe man gleichwertige Produkte nicht betroffener Hersteller aufgestockt.
Reto Stöckli, Einkaufsleiter bei Steg, rechnet ebenfalls damit, dass es demnächst zu Lieferengpässen kommen wird, allerdings nur zu marginalen. Derzeit stellt man noch keine konkreten Lieferprobleme fest. Allerdings, meint Stöckli, dürfte es sich bei der aktuellen Ware zu einem grossen Teil auch noch um solche handeln, die vor den tragischen Ereignissen in Japan produziert worden sei. Gefordert ist laut Stöckli nun eine noch detaillierter geplante Beschaffung und Flexibilität im Einkauf. Man werde auf jeden Fall alles versuchen, um die Bedürfnisse der Kunden weiter zu befriedigen.
«Es ist durchaus mit Lieferengpässen zu rechnen», meint auch Patrick Matzinger, CEO von Littlebit und ergänzt, dass es bereits schon soweit sei, kämen doch derzeit nur noch sehr wenige Nachlieferungen von internen und externen 2,5-Zoll-Festplatten. Bei anderen Produkten wie NAND-Flash für Solid State Disks gebe es Anzeichen einer Verknappung, bisher gebe es da aber noch genug Nachschub. Bis jetzt geht man bei Littlebit aber trotz allem nur von teilweisen Produktverknappungen aus, mit Worst-Case-Szenarien wie Totalausfall rechnet man nicht.

Die Konsequenz: Preiserhöhungen

Die Schweizer IT-Händler erwarten also Lieferengpässe. Welche Konsequenzen die haben werden, ist aktuell noch schwer abzuschätzen. Gemäss Daniel Rei von Brack kann es aber durchaus sein, dass vor Kurzem angekündigte Produkte viel später oder gar nicht erscheinen. Die Konsumenten müssen laut Rei ausserdem leider davon ausgehen, dass es zu Preiserhöhungen in den von Liefer­engpässen betroffenen Sortimentsbereichen kommen wird.
Damit wären wir bereits bei der nächsten grossen Sorge: Muss man für IT-Komponenten und -Geräte bald tiefer in die Tasche greifen? Bei Brack ist das, wie eben gehört, nicht ausgeschlossen, ja sogar bereits Tatsache: Wie PR-Manager Rei erklärt, musste man die Preise der 2,5-Zoll-Harddisks nämlich bereits erhöhen, da die Herstellerpreise um 10 bis 15 Prozent gestiegen seien.
Auch Littlebit hat bei den 2,5-Zoll-Harddisks eine Preissteigerung festgestellt, laut Patrick Matzinger um bis zu 20 Prozent. Ob und wann in anderen Bereichen Erhöhungen erfolgen könnten, sei sehr schwierig zu sagen. «Das hängt stark davon ab, wie sich die Liefersituation entwickelt. Es kann gut sein, dass es in vielen Bereichen keine Erhöhungen geben wird», so Matzinger. Preissteigerungen seitens der Hersteller bedeuten für Littlebit-Kunden übrigens, dass die Produkte auch für sie etwas teurer werden. Da es sich jedoch um Produkte im Preissegment unter 100 Franken handle, wirke sich eine leichte Preiserhöhung in absoluten Werten nicht gravierend aus.
Noch nicht, aber bald leicht teurer werden dürften die Produkte bei Steg, wie Einkaufsleiter Reto Stöckli erklärt: «Weil die Margen im IT-Bereich für die Absatzkanäle sehr schmal sind, können wir Preissteigerungen nicht selber tragen.» Seitens der Hersteller seien bereits Preissteigerungen bei Komponenten spürbar, dies werde sich bald auch auf Geräte wie Note- oder Netbooks, PCs und wahrscheinlich auch weitere Produktgruppen auswirken, meint Stöckli.
Preiserhöhungen gibt es aktuell auch bei Digitec noch nicht, sie könnten sich aber noch abzeichnen, erklärt Stefanie Hynek, und zwar in den Bereichen, in denen man auch Lieferengpässe erwartet, also Foto und Video sowie Komponenten. Wenn, dann sollen die Erhöhungen aber sicher nur punktuell erfolgen. Ausserdem, und das ist interessant, muss man scheinbar sehr vorsichtig sein: «Vereinzelt haben Hersteller aktuell sogar versucht, die Panikmache auszunutzen und die Preise zu erhöhen», weiss Hynek, die versichert, dass Digitec weiterhin und wie üblich um die bestmöglichen Preise kämpfen werde, bei gleichbleibender Qualität der Produkte.

Import weiterhin ungefährlich

Viele Schweizer Händler und Weiterverarbeiter machen sich laut dem Wirtschaftsverband für die digitale Schweiz SWICO und dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) derzeit aber nicht nur Sorgen um Lieferengpässe oder Preiserhöhungen, sondern vor allem über allfällige radioaktive Kontamina­tionen der von ihnen importierten Elektronikprodukte aus Japan.
Anlässlich einer Veranstaltung des SWICO am Paul Scherrer Institut (PSI) im aargauischen Villigen Mitte April konnten diverse Experten des BAG, der SUVA und des PSI am Dienstag nun Entwarnung geben: Eine radioaktive Konta­mination von Waren aus Japan ist laut ihnen nur für Produkte zu erwarten, die im Freien gelagert und Staub und Regen ausgesetzt sind. Dazu zählen vor allem Schiffscontainer oder Fahrzeuge, während elektronische Geräte und Komponenten ja generell in Gebäuden gefertigt und gelagert werden. Ausserdem stellen die Kontaminationen, die bisher festgestellt wurden, beispielsweise an einem Frachtcontainer der Fluggesellschaft Swiss, laut den Experten keinerlei Gefahr für die Gesundheit oder die Umwelt dar.
Einige der über 45 anwesenden Personen äusserten in einer Fragerunde trotzdem noch gewisse Bedenken und wollten wissen, ob und wie denn die Produkte aus Japan kontrolliert werden. Alle direkt in die Schweiz importierten Güter via Flughafen Zürich werden laut dem BAG bereits vor dem Verlad in Tokio und auch nach der Landung in Zürich überprüft. Bei indirektem Import über andere europäische Flug- oder Seehäfen und anschliessendem Bahn-, Schiffs- oder Strassentransport in die Schweiz macht das BAG zusammen mit der Zollverwaltung ausserdem Stichprobenkontrollen. Um die Sicherheit zu erhöhen, keine kontaminierte Ware zu erhalten, soll man laut der
SUVA vom Lieferanten ausserdem eine Bestätigung der Kontaminationsfreiheit verlangen.
Alles in allem appellierten die Experten jedoch an den gesunden Menschenverstand. Man kenne seine Lieferanten in Japan und wisse, wie sorgfältig sie arbeiten. Ausserdem sei es ganz bestimmt auch nicht im Interesse der japanischen Hersteller, dass viele kontaminierte Waren exportiert werden, weshalb bereits in den Firmen selbst Tests an der Tagesordnung stehen dürften.

Was ist mit Reisen nach Japan?

Entwarnung geben konnten die Experten des BAG, der SUVA und des PSI auch, was Reisen nach Japan und in die Nähe von zirka 20 bis 30 Kilometern des defekten AKWs in Fukushima betrifft. Aufenthalte von rund einem Monat in der Region seien nicht kritisch und nicht gesundheitsgefährdend, obwohl natürlich eine erhöhte Belastung messbar sein werde. Das sind aber natürlich nur vorübergehende Einschätzungen, das havarierte Kraftwerk ist derzeit ja noch nicht vollständig unter Kontrolle. Alle messtechnischen Institutionen weltweit werden die Verschmutzung deshalb weiterverfolgen, ihre Erkenntnisse austauschen und die Öffentlichkeit entsprechend laufend neu informieren.
Weitere Informationen zur Thematik findet man auch auf der Website des SWICO und zwar unter www.swico.ch/de/communityevents/communityevents_rueckblick.asp unter dem Titel «Produkte und Komponenten aus Japan – Eine Einschätzung der radiologischen Auswirkungen von Fukushima».

Das sagen die Hersteller

Neben den Schweizer Händlern und Assemblierern hat «Swiss IT Reseller» auch bei einigen betroffenen japanischen Herstellern um Statements zu den Punkten Lieferverzögerung und Preiserhöhung angefragt.
Toshiba Schweiz erwartet aktuell keine Probleme. Viele Geräte, wie beispielsweise die Notebooks für den europäischen Markt, werden laut dem Unternehmen in eigenen Fabriken sowie bei ODM-Partnern in China produziert und von dort aus direkt in die jeweiligen Länder geliefert. Im Hinblick auf die Komponentenverfügbarkeit erwartet man für die April-Produktion ebenfalls keinerlei Probleme. Ob man mit Auswirkungen für die Mai-Produktion oder mit einer zukünftigen Komponentenverknappung rechnen müsse, werde momentan noch überprüft.
Auch bei Sony geht man laut PR-Managerin Fiona Flannery aus heutiger Sicht davon aus, dass kurzfristig keine Lieferengpässe zu befürchten sind. Die mittelfristige Situation sei in Bezug auf Lieferungen momentan noch sehr schwer einzuschätzen. «Obschon unser Konzern multinational aufgestellt ist und somit ein Grossteil der Beschaffung und Produktion verlagert werden könnte, sind mittelfristige Engpässe leider nicht auszuschliessen», so
Flannery. Über allfällige Preissteigerungen kann Sony zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussagen machen.
Canon teilte Mitte April mit, dass man trotz Beschädigungen an Gebäuden und Produktionsequipment an den meisten Standorten bereits wieder einen Grossteil der Produktionsaktivitäten aufnehmen konnte und eine vollständige Wiederherstellung für Ende April geplant sei.


Anmerkung der Redaktion: Viele der betroffenen Hersteller wollten oder konnten zu unseren Fragen keine detaillierte Stellung nehmen, wofür wir
natürlich vollstes Verständnis haben. Es gibt für die Unternehmen aus Japan nach einer Katastrophe mit einer solch immensen Tragweite derzeit definitiv Wichtigeres, als Fragen nach möglichen Lieferverzögerungen oder Preis­erhöhungen zu beantworten. (mv)


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